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Auf einen Kaffee mit …
Dagmar Schuller

Auf einen Kaffee mit … Dagmar Schuller,
Geschäftsführerin von audEERING in Gilching
im Gespräch mit
Annette von Nordeck, Wirtschaftsfördererin der gwt Starnberg GmbH

Wie kommt man auf die Idee, ein Unternehmen wie audEERING ins Leben zu rufen?

Im Grunde war es eher eine Verkettung von Zufällen – und vor allem Neugier! Die Neugier bestimmte Dinge herauszufinden, nicht stehenzubleiben, sondern nachzufragen. Seit meinem Teenageralter habe ich mich für IT interessiert und damals in Österreich eine technische Schule besucht, wo ich programmieren gelernt habe. Später versuchte ich eine Brücke zu schlagen zwischen meinen beiden Studiengängen Informatik und Wirtschaftswissenschaften. Dazu kam ein Stipendium in New York mit Kursen im Bereich E-Business – das hat mich unheimlich weitergebracht und ich kam zurück mit einem riesigen Paket an Ideen und viel Spaß an der Thematik. Während man in Wien davon jedoch nicht viel hören wollte, ergaben sich Kontakte zur TU München, die an Sprachverarbeitung und -analyse arbeiteten. Die dort erzielten Fortschritte im Gebiet Affective Computing im Audio hat mir klargemacht, dass wir gründen müssen! Nach etwas Überredungskunst hat das dann 2012 geklappt und wir hatten dann auch gleich einen renommierten Kunden, die GFK, wo wir die Technologie zu Marktforschungszwecken eingesetzt haben. Mit der Zeit verlagerten wir uns vom projektbasierten Arbeiten hin zu eigenen Produkten. 2017/2018 erfolgte dann die Transformation in eine Firma, die einen global einsetzbaren Produkt-Stock für große Kunden anbieten konnte. 2019 kam der Durchbruch: wir haben zusammen mit einem Partner ein massentaugliches Produkt auf den Markt gebracht, das weltweit eingesetzt wird.

Was ist das genau für ein Produkt?

Es handelt sich um einen intelligenten Kopfhörer, der auf Basis von Umgebungsgeräuschen das Signal optimal adaptiert und z.B. eingesetzt werden kann, um ein optimales Hörgefühl und damit eine positive Stimmung beim Nutzer zu erzielen. Ein weiteres Produkt wird im Call-Center Bereich eingesetzt. Da ist „neutrale“ Emotionserkennung enorm hilfreich, geht es hier ja darum zu erkennen, in welcher Stimmung die Anrufer sind und wie man optimal mit ihnen umgeht, um für beide Seiten Stress zu reduzieren. Intelligente Sprach- und Audioanalyse hilft generell auch sehr gut im Gesundheitswesen, da forschen wir intensiv an unterschiedlichsten Krankheitsbildern – darunter auch Corona. Wir stehen mit unserer Forschung international sehr gut da und werden stark wahrgenommen. Bei uns kommen laufend Anfragen rein, ob wir an irgendwelchen Forschungsausschreibungen teilnehmen wollen. Zurzeit arbeiten wir an elf öffentlich geförderten Projekten. Kurz gesagt: Forschung betreiben wir, um uns ständig weiterzuentwickeln und Innovationstreiber zu sein, der Hauptumsatz kommt allerdings aus kommerziellen Aufträgen.

Was treibt Sie denn grundsätzlich an? Gibt es eine Vision, auf die Sie hinarbeiten?

Unsere Vision bei audEERING heißt humAInity. Unser Ziel ist es, durch unsere Technologie, die Kommunikation zwischen Menschen bzw. Mensch und Maschine zu verbessern und damit das Wohlbefinden der Menschheit zu steigern. Kommunikation findet durch die globale Vernetzung immer mehr in der virtuellen Welt statt – da ist der Wohlfühlfaktor oft nicht so groß. Auch wenn man sich im zwischenmenschlichen Gespräch nicht persönlich gegenübersitzt, sondern in einer virtuellen Konferenz, kann das Stress bedeuten. Gerade da ist unsere Technologie ideal einsetzbar.

Und was treibt Sie persönlich an?

Es ist nach wie vor die Neugier. Es fühlt sich einfach gut an, wenn man mittels Technologie etwas schafft, das dann in der Umsetzung tatsächlich so funktioniert. Wenn ich etwas dazu beitragen kann, dass jemand besser kommunizieren kann und er oder sie sich so wohler fühlt oder z.B. leichter mit einer Krankheit umgehen kann, oder, dass man eine Krankheit durch unsere Technologie schneller, besser, valider erkennt und therapieren kann, dann bedeutet das Glück – insbesondere auch für mich. Unsere Technologie vertrauenswürdig einzusetzen und damit einen Mehrwert schaffen – das ist mein Antrieb.

Zum Thema Corona suchen Sie zurzeit Probanden, richtig?

Ja, wir haben uns sehr schnell Gedanken gemacht, wie wir unsere Technologie in Bezug auf Corona sinnvoll einsetzen können. Ende März hatten wir bereits unser erstes wissenschaftliches Papier dazu veröffentlicht. Kann man bestimmte Corona-Symptome an der Stimme erkennen? Unser Test hat gezeigt: ja. Wir können aus dem Audiosignal bestimmte Sachen herauslesen und diese in Relation setzen zu anderen Einflüssen. Ich kann ein Modell auf „Sound Events“ trainieren, also z.B. Husten, Kurzatmigkeit oder Niesen. Aber es gibt auch noch andere Unterschiede in der Sprachaufnahme zwischen kranken und gesunden Menschen. Die EU hat interessanterweise für ein ähnliches Forschungsprojekt einige Millionen an Fördergeldern vergeben, damit die Cambridge University genau das erforscht, wo wir schon vorher dran waren. Wir lassen uns davon aber nicht abschrecken und glauben sogar, dass wir ein bisschen schneller sind und schon bald etwas Massentaugliches auf den Markt bringen können – das ist ja auch ein wesentlicher Unterschied zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung. Das Ganze wollen wir kombinieren mit einer Web-App oder einem Portal, wo man eine Sprachprobe abgibt, einige Fragen beantwortet und damit sozusagen sein Profil aufsetzt.

Und was könnte man dann in Bezug auf Corona erreichen?

Ziel ist natürlich die Bekämpfung des Virus durch flächendeckende und valide Diagnose, schnellere Unterbrechung der Infektionsketten und deutlich verbesserte Individualtherapie. Idealerweise spricht man eine halbe Minute oder etwas länger in das Gerät, auf dem die App läuft, und soll daraufhin vom System eine Einschätzung bekommen, ob man sich testen lassen sollte oder ob sich signifikante Merkmale, die auf eine Krankheit hindeuten, erkennen lassen, die man ärztlich validieren lassen sollte. Nach dem Motto: auf Basis deines Sprachsignals klingst du symptomatisch, kann sein, dass da was im Anflug ist oder es hat sich deutlich verschlechtert, verständige bitte gleich deinen Arzt und warte nicht zu lange. Anschließend gibt es die Möglichkeit, die Daten mit dem Arzt zu teilen. Wir finden diese Lösung sehr ideal: dauert nicht lange, man braucht kein spezielles Lese-Gerät oder Röhrchen, kein Labor, das auswertet, kein spezielles Personal und muss niemand irgendwohin schicken. Jeder hat sein eigenes Handy oder seinen Laptop, das bedeutet, ein möglicher Infektionsherd dieser Testgruppe ist auch ausgeschlossen.

Welchen zeitlichen Horizont haben Sie dafür?

Wir gehen leider von einer relativ großen Datenmenge für die Validierung aus, 250.000 valide Datensätze bis Ende des Jahres wären optimal, aber es geht auch mit weniger Daten. Dann könnte man das Modell so trainieren, dass es mit einem Schnelltest vergleichbar wäre. Das hängt natürlich davon ab, ob sich genug Menschen finden, die mitmachen und uns ihre Daten freiwillig zur Verfügung stellen. Aber irgendwo muss man ja anfangen, wir starten erstmal mit „Family & Friends“ und machen lokal Werbung, uns hier zu unterstützen.

Nach wie vor sind Frauen in der Technik-Szene recht selten, wie gehen Sie damit um?

Also für mich ist es kein Thema, ehrlich gesagt sogar eher von Vorteil. Ich habe aber auch kein Problem, in einer kompletten Männerrunde zu sitzen, das kommt permanent vor. Manch einer versucht schon mal, meine technische Kompetenz zu hinterfragen, aber das ist für mich keine Herausforderung, sondern amüsiert mich eher. Ich denke zwar, dass es bei einem Mann nicht vorkommen würde, aber gut… Andersrum rutsche ich auch manchmal noch irgendwo rein, da man sagt „wir brauchen hier noch eine Frau, sonst haben wir wieder nur Männer in der Runde sitzen“. Ganz ehrlich, das ist mir ziemlich egal: wenn ich erstmal drin bin, kann ich meine Botschaft kommunizieren, das ist mir viel mehr wert. Ob ich da jetzt eine Quote erfülle oder als Einzelperson irgendwie raussteche, das ist für mich irrelevant. Hauptsache, mein Ziel wird erreicht.

Was könnten sich andere bei Ihnen abschauen? Als Gesellschaft ganz im Allgemeinen, aber auch andere Frauen in vergleichbaren Positionen?

Also ich muss sagen, dass ein Rückschlag manchmal gar nicht verkehrt ist – das spornt einen an und man denkt sich: jetzt erst recht. Gute Ratschläge nehme ich natürlich gerne an, wenn sie fundiert und sinnvoll sind. Manches ist aber einfach historisch bedingt oder es geht um irgendein Klischee. Dann sage ich den Leuten, sie sollen mir erstmal beweisen, dass es so nicht geht. Daran scheitern die meisten dann sowieso schon…

Für die Gesellschaft an sich würde ich mir drei Dinge wünschen: 1. mehr Neugier und weniger Bequemlichkeit, 2. mehr Offenheit für neue Dinge und 3. mehr Vertrauen in die KI. Ich finde es wichtig, nicht alles Neue negativ zu sehen, sondern mutig nach vorne schauen und sich als mündiger Bürger/ Bürgerin aktiv zu informieren, welche Chancen etwas bietet. Wir verfügen über eine Technologie, mit der wir sehr viel erreichen können. Ob wir wollen oder nicht, rollt da eine riesige Transformationswelle auf uns zu, da müssen wir in Deutschland – aber auch in Europa – umdenken. Datenschutz ist wichtig, aber Wettbewerbsfähigkeit ist auch absolut relevant: China und USA können auf so viel mehr Daten zugreifen und so ihre Systeme deutlich besser validieren. Damit funktionieren diese eben auch besser und werden mehr nachgefragt. Diese Schere kann man irgendwann nicht mehr schließen. Wenn hierzulande jemand seine Gesundheitsdaten preisgeben soll, denken alle gleich: um Gottes Willen, da habe ich ja einen Nachteil bei der Versicherung. Auf der anderen Seite verrät die gleiche Person auf Facebook, wo sie gerade hingeht, den Urlaub verbracht hat, wie viele Kinder sie hat und welches Shampoo sie gerade nutzt – alles komplett transparent. Und mit einem „I agree“ wird zugestimmt, dass das Ganze Richtung Silicon Valley geht. Bei Google oder Amazon ist es das Gleiche und da macht sich keiner Gedanken darüber. Wenn man sich Alexa anschaut – das ist ein wunderbares Gerät, keine Frage – wird klar, was Sprachsteuerung alles kann. Aber die Sprachdaten behält sich Amazon selber. Und das ist wirklich eine ungleiche Basis, weil viele Leute hier so selbstverständlich ihre Daten abgeben. Da würde ich mir wünschen, dass man mehr mitdenkt. Mir wäre eine Widerspruchslösung am liebsten, aber in jedem Fall sollte man sich konkret damit auseinandersetzen, was man will und was nicht. Und, ganz wichtig: Nutzungsbedingungen sollten nicht länger als 1-2 Seiten sein und so geschrieben, dass man sie wirklich versteht. Ich bin mir sicher, niemand würde mehr Facebook nutzen, wenn er wüsste, was da drinsteht.

Welche Vorteile hat der Standort Gilching für Sie?

Wir haben hier in der Region exzellente Leute durch die Universitäten, die sind einfach top. Gerade jetzt in der Zeit, wo man sehr viel remote arbeitet, spielt es auch eine Rolle, ob man ein schönes Haus oder eine schöne Wohnung hat. Ich würde sagen, so gesehen ist das hier die beste Region Deutschlands: Der Freizeitwert ist traumhaft, wer hierherzieht, will in der Regel auch nicht mehr weg. Der Standortfaktor ist enorm und die Leute sind hier durch hervorragende Arbeitsbedingungen geschützt. Wenn sie in den USA oder China arbeiten, haben sie weder Sozialleistungen noch solche Möglichkeiten wie hier. Auch was Work-Life-Balance betrifft, sind wir hier deutlich weiter als in USA oder in Asien, wo das Thema jetzt erst langsam aufkommt. In Bayern hat man aber auch einen extrem starken Konkurrenzdruck: Wer es hier nicht schafft, geht unter – das ist eine harte, aber auch eine gute Schule. Auch politisch gesehen ist es hier super, man hört den Unternehmen zu, nimmt sie ernst und handelt entsprechend. Also eigentlich gibt es keinen besseren Unternehmensstandort als Bayern.

Fällt es Ihnen leicht Mitarbeitende zu gewinnen?

Ja, absolut. Wir haben in der Wissenschafts-Community ein hervorragendes Renommee und bekommen sehr viele Bewerbungen, oft direkt von der Uni. Aber auch für Praktikumsplätze und wir sind seit letztem Jahr auch ein Ausbildungsbetrieb. Mitarbeiter-Finden war also noch nie ein Problem für uns. Was allerdings gerade bei uns im Unternehmen ein bisschen schwierig ist, ist die Kombination gesetzlicher Vorgaben mit unseren sehr flexiblen Arbeitsweisen und der Leistungsstruktur. Beispiel Zeiterfassung: Wir müssen ja darauf achten, dass nicht mehr als zehn Stunden gearbeitet wird, Pausen eingehalten werden und dass wir das ggf. auch nachweisen können. Jetzt machen Sie mal in einem jungen, agilen Unternehmen eine Zeiterfassung. Da hat keiner Lust drauf, so fängt’s schon mal an. Dazu kommt die Angst vor einer Überwachung und dann wird noch diskutiert: „bisher ging das doch auch ohne, wieso denn jetzt“… Große Unternehmen haben ohnehin klare Strukturen, die tun sich da leichter. Wir müssen uns da erst ein System erarbeiten. Ich hätte es nicht gebraucht, ich vertraue einem guten Mitarbeiter sowieso. Mir als Arbeitgeberin ist es viel wichtiger, mit meinem Team im Austausch zu sein, um passende Lösungen zu finden. Wer mehr als zehn Stunden arbeiten will, weil er oder sie Spaß am Projekt haben, frisch von der Uni kommen und keine Familie haben, der soll das machen! Warum muss ich dem sagen, dass er nach zehn Stunden aufhören muss? Für andere braucht es vielleicht andere Strukturen – Ziel ist es für jeden eine gute Lösung zu finden. Hier sehe ich aber die Corona-Krise als Motor für mehr Flexibilität.

Wenn Sie irgendwie einen Platz zum Auftanken in der Region StarnbergAmmersee brauchen, wo gehen Sie hin?

Also, ich habe mehrere Lieblingsplätze. Der wunderschöne Buchenwald hinten beim Gilchinger Feld ist mein Lieblingsziel für die Joggingrunde. Der zweite Kraftort zum Auftanken ist bei der Keltenschanze. Ich kann jedem empfehlen, da mal kurz hinzufahren und dort durch den Wald zu gehen. Und dann habe ich auch noch einen ganz speziellen Platz am Weßlinger See, der mir besonders gut gefällt. Leider sind da immer recht viele Leute, deshalb komme ich eher abends, wenn alle wieder weg sind.

Wie finden Ihre Kinder das, was Sie machen?

Eigentlich finden die das gut. Als wir aber letztes Jahr in unserem Gilchinger Stadion standen, das da audEERING-Arena hieß, meinte mein älterer Sohn schon: „Mama, das ist jetzt echt peinlich. Alle wissen, dass es von dir ist.“ Aber irgendwie fand er es auch witzig, dass er da unter diesem Schild durchlaufen durfte. Meine Kinder waren auch schon öfter für bestimmte Projekte in der Firma, da mussten sie mitmachen, ob sie wollten oder nicht, das ist Solidarität. Meistens sind sie am Anfang skeptisch, aber finden es dann doch recht spannend und mögen es. Wobei sie beide beruflich ganz andere Ambitionen haben.

Sind Sie ein „Scanner-Typ“? Also ein Mensch, der viele Ideen produziert, dafür aber auch viel von außen aufnimmt.

Ja, da würde ich schon sagen, dass ich der Scanner-Typ bin. Ich bin sehr offen für Trends oder neue Ideen. Am liebsten würde ich noch viel mehr Dinge umsetzen, aber manchmal fehlen ganz einfach die Ressourcen dazu. Da muss man dann eben schon Prioritäten setzen. Mir fallen aber 20.000 Dinge ein, die man theoretisch mit der Technik machen könnte.

Und zu guter Letzt – wie trinken Sie Ihren Kaffee?

Ich trinke am liebsten Cappuccino. Oder eine Melange. Also immer mit Milchschaum, das ist mir die liebste Variante.

Auf einen Kaffee mit …
Alexander Reichhart

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Auf einen Kaffee mit … Alexander Reichhart,
Geschäftsführer von REICHHART Logistik in Gilching
im Gespräch mit
Annette von Nordeck, Wirtschaftsfördererin der gwt Starnberg GmbH

Wie trinken Sie Ihren Kaffee, Herr Reichhart?

Das ist eine sehr, sehr interessante Frage und es gibt auch eine Geschichte dazu, wie ich überhaupt zum Kaffee gekommen bin, denn ich trinke noch nicht besonders lange Kaffee. Ich bin auch nicht der klassische Kaffeetrinker, der dies zum Wachbleiben und als Überlebenselixier braucht. Vor vier, fünf Jahren haben wir im Unternehmen eine ganz besondere Kaffeemaschine gekauft. Als Dank wurde mir von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein goldener Kaffeelöffel an unserer Weihnachtsfeier überreicht. Danach war klar: „Jetzt probiere ich das Ganze mal…“ und habe eben festgestellt, dass der Kaffee ein ganz besonderes Getränk ist und für mich reiner Trinkgenuss. Und so gibt’s bei mir entweder den feinen Cappuccino oder den puren Espresso ohne Zucker.

Was hat Sie vorher davon abgehalten? Einfach der Geschmack oder nie probiert?

Ich glaube als sehr junger Mensch habe ich einen Kaffee getrunken, der mir nicht so besonders geschmeckt hat und das geht mir tatsächlich auch heute noch hin und wieder bei Veranstaltungen so, wenn es Filterkaffee gibt. Ich bin ein Genussmensch und wenn das für mich kein Genuss ist, lass ich es lieber bleiben.

Reichhart Logistik – wie kam`s? Das ist so ein großes Unternehmen, wie haben Sie es mitgestaltet?

Mein Vater hat REICHHART 1967 als Ein-Mann-Unternehmen mit seinem ersten LKW einem MAN Pausbacke gegründet. In den 60/70er Jahren gab es eine gute Nachfrage nach Transporten. Mein Vater hat unser Unternehmen dann kontinuierlich aufgebaut, so dass 1975 der Fuhrpark rund 25 Fahrzeuge umfasste. Anfangs ist er auch noch regelmäßig selbst gefahren, hat abends oder am Wochenende die Fahrzeuge repariert und ist dann später zunehmend immer stärker in den Bürobetrieb gegangen. Ich glaube aber, dass ihm die Technik immer lieber war als die Büroarbeit. Trotz eines schweren Verkehrsunfalls und einem temporären Ausfall konnte mein Vater das Unternehmen weiter ausbauen. So wurden nun auch Fernverkehrstransporte nach Italien mit der ersten roten Fernverkehrskonzession durchgeführt. Später kamen dann Transporte von Flugzeug-Bauteilen für das Dornier-/Airbus-Werk dazu.

1989 hat er sich entschieden das Unternehmen in neue Hände zu geben. Die Suche nach einem Nachfolger war nicht einfach, da wir auch durchaus in einem sehr herausfordernden Geschäftsfeld tätig sind.

In Michael Jackl wurde dann der Nachfolger gefunden, der das Unternehmen kontinuierlich weiter ausbaute und auf Mehrwert-Dienstleistungen, wie die Kontrakt-Logistik setzte.

Im Jahr 2000 bin ich dazu gestoßen und habe meinem Vater vorgeschlagen Michael Jackl zum Mitgesellschafter im Unternehmen zu machen. Wir haben ihm sehr viel zu verdanken, er hat das Geschäftsmodell zur richtigen Zeit weiterentwickelt und deutlich ausgebaut. Auch im Bereich der Digitalisierung haben wir sehr viel unternommen und innovative Techniken eingeführt. Diese Weiterentwicklung betreiben wir nun kontinuierlich seit 1989 – von damals 14 Mio. DM Umsatz zu 88 Mio. € im vergangenen Jahr.

Herzlichen Glückwunsch!!! Michael Jackl und Sie sind ja beide Geschäftsführer

Ganz genau, beide Geschäftsführer und Gesellschafter – ursprünglich mit einer klaren Aufgabenteilung. Gleichzeitig hat sich die Arbeitswelt verändert, die Bereiche wandern immer mehr zusammen, müssen integriert werden und wir arbeiten daher immer vernetzter zusammen. Das funktioniert auch sehr gut, wenngleich es in der heutigen Zeit nicht einfach ist, da alle Bereiche, beispielweise die Digitalisierung, Dienstleistungsentwicklung sowie Mitarbeiterqualifizierung eng miteinander verwoben sind. Daher ist es erforderlich, gemeinsame Strategien für die einzelnen Bereiche zu entwickeln und diese abzustimmen, damit die Dinge beim Kunden und im Unternehmen perfekt funktionieren.

Was inspiriert Sie? Was treibt Sie an? Als Mensch und als Unternehmer?

Zwei Dinge treiben mich an: momentan natürlich die Corona Krise. Das ist für uns wirklich eine enorme Herausforderung, da wir in den Branchen tätig sind, die es besonders stark getroffen hat, wie die Automobil- und die Luftfahrtindustrie. Ich möchte gar nicht jammern, da ich mal in den Raum stelle, dass wahrscheinlich 80 % der Unternehmen in Deutschland eine vergleichbare große Herausforderung haben.

Wir haben als Familienunternehmen eine Verantwortung gegenüber unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und in einem momentan so schwierigen Umfeld immer für jeden die richtigen und ausgewogene Entscheidungen zu treffen, ist nicht immer einfach. Aber es ist schön zu sehen, wie unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter trotzdem mit uns an einem Strang ziehen.

Und außerhalb der Corona Krise – was treibt mich als Unternehmer an? Für mich war es immer schon wichtig, das Besondere für unsere Kunden herauszustellen, eine perfekte Dienstleistung anzubieten, die Mehrwert hat, die unseren Kunden Wettbewerbsvorteile verschafft und mit der wir uns ganz klar vom Mainstream unterscheiden. Nicht einfach nur in der Masse mitmachen, in welcher nur der günstigste Preis zählt, sondern wir möchten über unsere Qualität, über unsere Zuverlässigkeit und über unsere Effizienz unserem Kunden produktive Mehrwerte schaffen. Ich bin auch ein Mensch, der, ja ich möchte nicht sagen ein Perfektionist ist, aber der begeistert ist von Dingen, die wie ein Uhrwerk funktionieren. Das ist etwas was mir sehr viel Freude macht, vor allem dann, wenn die Wünsche unserer Kunden erfüllt werden.

Ich glaube zu wissen, dass Sie ein Kunstliebhaber sind. Was bedeutet das für Sie?

Auch hier habe ich eine Leidenschaft für das Besondere. Es hat mich an der Kunst immer schon fasziniert mit den Künstlern zu sprechen. Denn im ersten Augenblick versteht man ein Kunstwerk oft gar nicht oder es spricht einen im ersten Augenblick auch gar nicht an. Ich bin mittlerweile sehr vorsichtig, gleich über ein Kunstwerk zu urteilen, da ich oft zu Beginn noch viel zu wenig Wissen über das Werk habe. Wenn mir also der Künstler über sein Werk erzählt, ich selbst am Wochenende dazu nachlese und recherchiere, dann kann ich besser verstehen, was den Künstler und sein Werk letztendlich ausmacht und was er ausdrücken will.

Passend zum Logistikbereich faszinieren mich Künstler, die ein hohes Technikverständnis und ein hohes Qualitätsbewusstsein haben. Es gibt tatsächlich viele Kunstwerke, die schlampig umgesetzt sind, die vielleicht hochgradig kreativ sind, aber technisch und handwerklich nicht besonders gut ausgeführt. Umgekehrt gibt es viele ausdrucksstarke und kreative Werke, die ein hohes Maß an technischer Perfektion haben und das ist genau das, was mich dann anspricht.

Ich bin aber nicht unbedingt ein Freund der moralisierenden Kunst. Dafür brauche ich die Kunst nicht, um zu wissen was richtig oder falsch ist. Viele Kunstwerke wollen politisch anstoßen, mit der Intension etwas zu bewirken. Ich glaube, es ist in der Kunstbranche mittlerweile akzeptiert, dass die Kunst die Welt leider häufig nicht wie gewünscht verändern kann. Die Franzosen sagen zu einem mäßigen Wein gerne „jolie coleur“, also hübsche Farbe und das spricht gerne dafür, dass nichts Besonderes dahintersteckt. Ich bin der Meinung Kunst muss nicht provozieren, um gut zu sein. Es ist die Geschichte, Technik, Idee, der Ausdruck und die Bedeutung dahinter, die es zu etwas Besonderem macht. Und dafür braucht es nicht den gehobenen Zeigefinger. Die Dinge die man macht, soll man richtigmachen, dass sie funktionieren, dass sie auf andere Menschen eine positive Wirkung haben. Nicht einfach damit es gemacht ist, sondern Menschen das Leben leichter zu machen, ihnen zu helfen und sie zu begeistern, dann hinterlässt man Spuren.

Nochmal kurz zum Genussmenschen: Wie geht das einher, Genussmensch und Logistikunternehmer? Von außen betrachtet könnten das zwei Welten sein

In der Logistik entwickeln wir aus dem klassischen Transport oder der einfachen Lagerwirtschaft eine hoch effiziente und intelligente Logistikdienstleistung. Es dürfen keine Fehler passieren, alles muss sicher, pünktlich und wie bestellt bei den Kunden ankommen. Wenn Menschen irgendetwas machen, egal in welchem Bereich, wenn sie das mit Hingabe machen, dann wird es meist zu etwas Besonderem. Das ist in der Logistik sowie beim Wein. Da steckt bei hochwertigen Produkten oder Dienstleistungen wirklich viel harte Arbeit dahinter. Wenn man genau hinsieht, sich mit dem Wesentlichen auseinandersetzt, dann erkennt man plötzlich große Unterschiede. Und auf einmal erkennt man – und da kommt jetzt wieder der Genussmensch – eine tolle Leistung, ein tolles Handwerk und tolle Ideen, die gut umgesetzt sind.

Wo führt es Sie in unserer Region hin, wenn Sie Entspannung brauchen?

Ich lebe im Landkreis München. Am Wochenende war ich in Bernried und habe mit ein paar Freunden den Starnberger See genossen. Dort haben wir wieder festgestellt, dass wir wahrscheinlich hier an einem der schönsten Flecken auf der Welt leben. Ansonsten, auch zum Thema Genuss, ich fahr oft zum Mittagessen für eine Stunde zum Golfclub Wörthsee. Da sitzt man draußen und blickt auf die Golfanlage und das schöne Clubhaus. Für mich ist das wie Urlaub zu machen. Dort zieht es mich regelmäßig hin, dort genieße ich unser wunderschönes Land. Das ist wirklich etwas Besonderes, etwas, das wir jeden Tag schätzen sollten.

Was dürfen wir von Ihnen lernen? Was wollen Sie Ihren Unternehmerinnen- und Unternehmer-Kollegen mitgeben?

Ich erteile eigentlich ungern Ratschläge, daher vielleicht eher etwas, was ich mir wünschen würde. Sehr viele Menschen und Unternehmen leiden aktuell unter der Corona Krise. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die handelnden und verantwortlichen Akteure meist gute Arbeit verrichten.

Was ich mir also in diesem Zusammenhang wünschen würde ist, dass wir uns alle darauf besinnen, was von allen in der Corona-Krise geleistet worden ist. Darauf können wir ehrlich gesagt auch stolz sein. Wir sollten weniger mit dem Finger auf uns gegenseitig zeigen oder bemängeln wie unfähig die Politiker sind. Alle arbeiten mit großem Engagement und viel Herzblut und stehen unter hohem Druck.

Ist es für Sie als Familienvater ein Thema, Ihr vom Vater übernommenes und weiterentwickeltes Unternehmen ebenfalls in die nächste Generation zu geben, hat das für Sie einen Wert?

Ich möchte das genauso machen wie mein Vater. Er meinte damals, ich soll das machen, was ich für richtig erachte. Ich wollte früher mal Polizist werden. Daraufhin hat er einen Polizisten eingeladen, der über seinen harten Beruf erzählt hat. Danach wollte ich kein Polizist mehr werden.

Meine Frau und ich haben vom Typus her zwei völlig unterschiedliche Söhne. Wir beide sind davon überzeugt, dass jeder den Beruf wählen soll, der ihn am meisten ausfüllt. Ich bin auch hier der Meinung, dass man nur das gut machen kann, was man mit Leidenschaft und Überzeugung macht. Wenn man von den Eltern mit einer Erwartungshaltung zu seinem Beruf gedrängt wird, dann bringt das nichts.

Auf einen Kaffee mit …
Michael Padberg

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Auf einen Kaffee mit … Michael Padberg
Geschäftsführer der PTC Telecom GmbH in Wörthsee
im Gespräch mit
Annette von Nordeck, Wirtschaftsfördererin der gwt Starnberg GmbH

Wie kam es dazu, dass Sie die PTC Telecom GmbH gegründet haben?
Hintergrund war, dass ich in meinem früheren angestellten Berufsleben immer wieder an Grenzen gestoßen bin und ich mir irgendwann sagte: „Michael, nun musst Du es selbst machen…“ Es gibt unterschiedliche Vorstellungen von Herangehensweisen und deshalb habe ich mich dann mit meinem Unternehmen PTC Telecom vor nun mittlerweile 31 Jahren selbstständig gemacht.

Dürfen wir wissen, was sie damals so an Ihre Grenzen gebracht hat, was dann in Ihrer Selbstständigkeit mündete?
Ich liebe Innovationen und neue Ideen, dies begleitet mich schon mein ganzes Leben. Ich wollte immer wieder neues machen, immer wieder neues ausprobieren und das geht in einer Anstellung nur bis zu einem gewissen Grad. In meinem Fall war es so, dass ich wieder ein neues Produkt kreiert habe und dieses Produkt wollte ich natürlich auch in den Markt treiben. Dabei gab es aber Vorgesetzte, die das für sich vereinnahmen und anders aufbauen wollten, einmal mehr sollte ich für jedes Detail um Erlaubnis bitten und an die Hierarchien denken. Das waren die Dinge, die mich wahnsinnig gemacht und mit dazu getrieben haben, es selbst zu machen.

Was treibt Sie an, was inspiriert Sie?
Neues auszuprobieren, nicht in eingefahrenen Gleisen arbeiten zu müssen, einfach in die Zukunft zu schauen, das aber immer mit Menschen. Ich bin nicht der Typ, der die Dinge mit sich alleine im Kämmerchen ausmacht, sondern ich brauche immer wieder die Inspiration mit und durch Menschen und ich brauche die Reflektion, die ich nun auch immer mehr von meinen MitarbeiterInnen einfordere. Weiterhin treibt mich an, alles ein Stück weit besser und leichter zu machen, den Erfolg zu planen und umzusetzen und andere am Erfolg teilhaben zu lassen. Für mich ist auch die gemeinsame Zielerreichung im Team ganz wichtig. Klar, gibt es mich, der antreibt, der eine Vision hat – teilweise leiden meine MitarbeiterInnen darunter, aber das ist auch mein Job als Unternehmer. Das gemeinsame Umsetzen ist sicher auch ein Teil der Erfolgsstory der PTC Telecom.

Wollen Sie mit dem Produkt die Welt verbessern oder ist das Produkt eher Mittel zum Zweck, um sich als Unternehmer selbst in Ihrer Freiheitsliebe zu verwirklichen?
Ein Produkt ist immer Mittel zum Zweck, da die Lösung als solches das Wichtige ist. Als Unternehmer bin ich ein Stück weit freier, weil ich alleine die Entscheidungen treffen kann. Aber eigentlich bin ich Diener meiner MitarbeiterInnen, da ich eine große Verantwortung für mittlerweile über 70 MitarbeiterInnen habe. Das sind ein paar Millionen Euro Personalkosten pro Jahr, die erst einmal erwirtschaftet werden müssen. Diese Verantwortung nehme ich an, da letztendlich ein Großteil meiner Arbeit davon bestimmt ist, sicherzustellen, dass die Gehälter gezahlt werden können. Hierzu ist es wichtig, anzuerkennen, dass sich die Welt verändert und es als UnternehmerIn wichtig ist, über den Tellerrand zu blicken, wohin der Markt sich entwickelt und welche Geschäftsmodelle auch zukünftig noch funktionieren. Daher ist es wichtig sich immer wieder anzupassen. Für mich ist das ein ganz anstrengender, aber auch befriedigender Weg, da nichts bleibt wie es ist und ich immer wieder neue Wege finden, neue Pfade einschlagen und neue Ideen finden muss. Meist sind es ja nicht die riesen Schritte, in dem man das Geschäftsmodell A zum Geschäftsmodel Y macht, sondern es geht darum, dass man das, was man macht immer noch besser machen kann. Und der Erfolg bringt dann auch wieder ganz viel Freude mit sich.

Gab es in den 31 Jahren als Unternehmer auch eine Phase, in der der Gedanke aufkam, ein neues Produkt zu brauchen, damit Sie sich weiter entwickeln können oder auch eine Phase, in der Sie am liebsten dem Unternehmertum den Rücken gekehrt hätten?
Es gibt Höhen und Tiefen und das permanent. Aber den Gedanken, das ich nicht mehr Unternehmer sein will, gab es nie. Man muss viel Kraft haben, um die Tiefen zu durchstehen. Für mich ist das immer wieder wie Bergsteigen. Wenn man Ziele vor sich hat, geht man den Berg hinauf, das ist dann total anstrengend. Dann aber oben angekommen, kann man stolz sein, was man erreicht hat und dann geht es bestimmt auch schon wieder bergab. Es geht nicht immer nur nach oben. Es heißt permanent neue oder weiterreichende Ziele formulieren. Aber für mich gibt es nichts anderes.

Wo nehmen Sie Ihre Kraft her?
Einerseits aus meiner Familie. Die Familie ist für mich ein wichtiger Rückzugsort. Dort kann ich mich zurückziehen und wieder Kraft schöpfen. Meine Frau und meine beiden Kinder sind das Beste, was mir passiert ist. Doch es sind auch so banale Dinge, wie in der Natur zu sein und zu meditieren. Ich gebe mir auch selbst Zeit, mal ein paar Stunden gar nichts zu tun.

Wohin führen Sie Ihre Wege in der Region StarnbergAmmersee, wenn Sie sich treiben lassen?
Ich wandere gerne, z.B. immer wieder gerne durch das Kiental nach Andechs. Mir macht es auch großen Spaß am Wörthsee oder am Weßlinger See zu spazieren, oder einfach nur aufs Wasser zu schauen. Ich bin total glücklich darüber, dass wir hier leben und arbeiten dürfen. Das wir die Chance haben, die Natur so zu erleben und die Berge so nah zu haben. Ich bin kein Läufer und kein Radlfahrer, ich fahre dann lieber mit dem Motorrad um den Starnberger See. Ich wohne privat in Gilching relativ am Ortsrand. Wenn ich mein Haus verlasse, bin ich im Steinberg und das ist einfach nur schön. Aus dieser Ruhe hole ich mir ganz viel Kraft.

Nun weiß ich, dass Sie noch so viel mehr Kraft haben, um sich seit einigen Jahren ehrenamtlich als Vorsitzender des Unternehmerverbandes UWS zu engagieren und zusätzlich auch noch ehrenamtlicher Richter sind. Welche Motivation treibt Sie hier an?
Meine Motivation ist ganz klar, dass ich etwas zurückgeben möchte. Ich habe so viel Glück in meinem Leben gehabt, mir geht es emotional so gut und es wäre unfair, wenn ich das alles für mich behalten würde. Es kostet mich viel Zeit und auch viel Kraft – ja, aber ich mache das total gerne, weil dies für mich eine Herzensangelegenheit ist, dass ich das Glück und das schöne Leben, welches ich führen darf, auch an die Gesellschaft zurückgeben kann. Mir geht es auch deshalb so gut, weil wir einerseits in dieser tollen Natur leben dürfen, aber auch weil unser Miteinander und unsere gesellschaftliche Begegnung harmoniert. Und Gesellschaft ohne Ehrenamt ist meiner Meinung nach nicht gesund, deshalb engagiere ich mich! Es ist mir wichtig, dass wir miteinander die Gesellschaft ein Stück besser machen.

Was können wir dabei von Ihnen lernen? Was möchten Sie den UnternehmerInnen unserer Region mitgeben?
Für mich ist ein wichtiger Leitsatz: „Stillstand ist Rückschritt“. Jede und jeder sollte sich wirklich hinterfragen, wie kann ich mich verbessern, wie kann ich Dinge neu justieren und wie kann ich – und das ist für mich ganz wichtig – meine MitarbeiterInnen in diese Entwicklung integrieren. Für mich ist es immer wieder faszinierend, wieviel Know-how in den einzelnen MitarbeiterInnen steckt. Wenn wir es schaffen, den Austausch unter den MitarbeiterInnen aktiv zu gestalten und mit ihnen zusammen Ziele zu definieren und sie mit all ihrem Wissen und ihrem Engagement mitnehmen, kann es nur gut werden. Dabei sehe ich mich immer mehr – ohne unterwürfig zu erscheinen – als Diener meiner MitarbeiterInnen. Wenn ich ihnen den Rahmen schaffe, dass sie optimal arbeiten können, dann sind wir gemeinsam erfolgreich. Für mich gibt es so gut wie nichts, was ich meinen MitarbeiterInnen vorenthalte. Sie wissen, dass wir Gewinn erwirtschaften müssen. Ich sage ihnen auch, dass wir für die Nachhaltigkeit arbeiten, dass wir uns letztendlich auch um unsere Umwelt kümmern müssen. Deshalb haben wir auch unsere Bienenstöcke und sind wir Teil von ÖKOPROFIT – dies ist mir wichtig.

Sie sprechen die Bienen an. Sie wollen dort auf der Wiese auch Arbeitsplätze einrichten. Wie kommen Sie auf solche etwas unüblichen Ideen?
Die Wertschätzung meiner MitarbeiterInnen treibt mich hier an. Ich liebe meine MitarbeiterInnen und schaue daher immer wieder, wie wir Dinge für sie besser machen können. Z.B. dass wir Massagen anbieten, es jeden Tag frisches Obst gibt und eben die Bienen. Bienen brauchen Wasser – daraus entstand die Idee einen Teich anzulegen. Wir werden einen Pavillon und einen Grillplatz aufbauen und haben gerade WLAN gelegt. Für den Cortisol-Spiegel ist das Arbeiten in der Natur auch total wichtig. Dort werden ca. 20 Arbeitsplätze entstehen.

Wie lautet ihr Lebensmotto?
„Love it, change it or leave it“ – diese Haltung hat mich schon mein ganzes Leben begleitet. Ich habe mein früheres berufliches Leben nicht mehr geliebt, also habe ich es verändert. Jammern ist für mich keine Option. Wenn es Menschen nicht wert ist etwas zu ändern, dann sollten sie den Umstand akzeptieren und dann auch lieben. Wenn man dies konsequent durchdenkt, macht es das Leben viel einfacher. Aber ich muss dafür meinen Bequemlichkeitsfaktor aufgeben.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Ich lese sehr gerne. Nur ehrlich gesagt, bin ich kein Typ für Fachliteratur. Um den Kopf frei zu bekommen, lese ich mittelalterliche Romane, auch um in die Geschichte dahinter einzutauchen und davon zu lernen.

Gibt es noch irgendetwas, was sie uns mit auf den Weg geben wollen?
Gerade auf die jetzige Situation bezogen, in der uns Corona alle so beschäftigt, ist es mir von Herzen wirklich wichtig, dass wir uns nicht von der Angst einnehmen lassen. Ich bin überzeugt davon, dass Angst kein guter Ratgeber ist. Bei allen Risiken, die wir haben, leben wir in einer Welt, die so sicher ist wie noch nie. Wir sollten uns das nicht von einer gefühlten Angst wegnehmen lassen und auch die Lebenslust dabei nicht verlieren. In der Neurologie spricht man vom Hippocampus, der wachsen und schrumpfen kann und mit Angst angereichert, schrumpft er und kann weniger Glückshormone ausstoßen. Wenn wir das zulassen, werden wir uns alle nicht positiv entwickeln. Jeder kann dazu beitragen, dass er nicht in diese Falle tappt und Teil dieser Angstgruppe wird. Ja, wir müssen die Maßnahmen zu Corona ernst nehmen, uns aber nicht von der Angst vereinnahmen lassen. Das Leben hält so viel Positives für uns bereit. Das Leben ist tödlich, aber bis es soweit ist, genieße ich das Leben. Das sollten wir nicht verlernen.

Wie denken Sie über sich und hat Ihre Gedankenwelt dazu beigetragen, dass Sie heute da sind, wo Sie sind?

100 %ig!! Es gibt immer wieder Hürden, aber ohne positive Gedanken geht es nicht. Natürlich sehne ich mich auch mal nach Ruhe, wenn mir alles zu viel wird oder bin schlecht gelaunt – das gehört dazu zum Leben. Aber ich versuche immer zu akzeptieren, was gerade ist und bin überzeugt davon, dass es gut weitergeht. Niemand hat es bisher geschafft, mir diese positive Grundeinstellung zu nehmen. Im Gegenteil – je älter ich werde, desto positiver werde ich!

Auf einen Kaffee mit …
Elke Durst

Elke-Durst
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Auf einen Kaffee mit … Elke Durst,
Managing Director der Team Seefried Group in Tutzing
im Gespräch mit
Annette von Nordeck, Wirtschaftsfördererin der gwt Starnberg GmbH

Lassen Sie uns ein Stück an Ihrem Lebensweg teilhaben. Wie kam es dazu, dass Sie da sind, wo Sie heute sind?

Also, ich komme eigentlich aus Baden-Württemberg und war nach dem Abitur für ein Jahr als Au-Pair im Ausland. Anschließend wollte ich studieren und hatte mich für angewandte Weltwirtschaftssprachen in Worms beworben und gleichzeitig an der Fachhochschule in München für Touristik-Betriebswirtschaft. In München habe ich dann den Zuschlag für einen Studienplatz bekommen, bin ganz freudig umgezogen und habe hier gleich im ersten Semester meinen Mann kennengelernt. Die Praxissemester habe ich im Ausland absolviert, das Erste in einem Hotel in der Karibik und das Zweite bei einer Agentur in Eching, die damals „ITM incentive travel“ hieß. Dort wurde ich damals sofort übernommen. So kam es, dass ich eigentlich schon seit 1993 mit Jochen Seefried zusammenarbeite – und das auch nie bereut habe.

Und später sind Sie dann von Eching im Münchner Norden in den Landkreis Starnberg gezogen?

Genau, wir waren mit der Agentur zunächst in der Parkstadt Schwabing und sind dann vor 8 Jahren nach Tutzing. Privat wohne ich schon seit 2001 am Starnberger See, erst in Starnberg und seit 2004 in Feldafing. 10 Jahre lang bin ich täglich nach München reingefahren, was vom Verkehr her wirklich katastrophal war. Zum Glück fand Jochen Seefried dann durch Zufall dieses Grundstück und hat die Agentur hier angesiedelt.

Und wie kamen Sie dann in die Geschäftsführung?

1996 haben sich Jochen Seefried und sein Geschäftspartner getrennt. Ich war bereits seine rechte Hand, da fragte er mich, ob ich nicht mit einsteigen wolle.

Falls Sie nicht gefragt worden wären, hätten Sie sich auch selbst ins Spiel gebracht?

Ja, es war auch relativ schnell klar, dass wir das zusammen machen. In einer Agentur ist man nicht gerne Einzelkämpfer. Es ist ganz wichtig, ein gutes Team um sich zu haben, auf das man sich zu 100 % verlassen kann. Für mich war das toll, ich war jung und wir kannten uns ja schon eine gewisse Zeit. Für mich war das eine super Chance. Wir haben eine GmbH & Co. KG gegründet, ich bin die Kommanditistin. Das Unternehmen ist so ausgelegt, dass wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die länger als fünf Jahre bei uns sind, beteiligen. Dazu gehören auch Frauen, die eine Kinderpause eingelegt haben. Ich selbst bin ja auch wegen meiner Kinder eine Zeitlang kürzergetreten, wenngleich ich nie ganz aufgehört habe.

Im Agenturgeschäft ist es ja üblich, dass mehr Frauen vertreten sind. Kann man daraus schließen, dass es wie Sie auch mehr Unternehmerinnen gibt?

Nicht unbedingt, die Unternehmen leiten meist Männer. Mittlerweile gibt es schon auch Frauen als Unternehmerinnen. Aber als ich anfing, kannte ich gar keine Frauen auf dieser Ebene. Es gab schon immer die One-Man oder One-Woman-Agenturen, aber größere Agenturen eher nicht, das war schon sehr männerlastig.

Gab es irgendein Erlebnis, positiv oder negativ, bei dem Sie diese Mann-Frau-Thematik zu spüren bekommen haben?

Negatives ist mir nie widerfahren, im Gegenteil, ich bekam eher Zuspruch von den Männern.

Hätten Sie sich gerne mehr Frauen in Führungspositionen als Vorbilder gewünscht?

Nein, eigentlich nicht. Ich hatte auch niemanden, mit dem ich mich in meinem Bereich vergleichen konnte.

Was treibt Sie an – persönlich und ganz allgemein?

Mein Antrieb ist sehr vielfältig. Auf jeden Fall meine Familie, ich habe drei Jungs – also mit meinem Mann vier Jungs – zuhause und das treibt mich automatisch an. Da heißt es jeden Tag aktiv sein, auch wenn ich mal nicht will. Im Unternehmen blicke ich mittlerweile mit Stolz auf 27 Jahre zurück, in denen ich wirklich viel geschafft habe. Mir macht es ja auch nach wie vor Spaß! Das ist ein ganz wichtiger Punkt: ich gehe jeden Tag wirklich gerne in die Agentur. Das kann ich hoffentlich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch so vermitteln. Mir machen die Menschen richtig Spaß, ich möchte genau mit diesem Team zusammenarbeiten. Dazu will ich Veranstaltungen schaffen, die den Leuten ein Lachen ins Gesicht zaubern – das ist eine durch und durch positive Arbeit: Momente zu kreieren, die begeistern, motivieren und Freude machen. Wenn das dann alles so klappt, wie zuvor auf dem Papier geplant, macht mich das stolz und erfüllt mich.

Die aktuelle Situation hat Ihr Unternehmen ja stark getroffen. Was holt Sie da immer wieder raus?

Also am Anfang war ich wirklich schockiert, das muss ich ganz ehrlich sagen. Es gab in der Vergangenheit öfter mal Auf und Abs und Umsatzeinbußen, aber es war nie alles weg. Wir machen ja nicht nur Incentive-Reisen, sondern auch ganz viele Tagungen und sind auch auf Strategisches Meeting-Management umgestiegen. 2019 haben wir 800 Tagungen weltweit organisiert. Dazu kommen noch andere Events und unsere „helpcentives“. Am Anfang dachte ich also nach ein paar Monaten ist bestimmt wieder alles vorbei und fand es gar nicht so dramatisch. Erstmal waren wir auch richtig beschäftigt, um Hunderte von Veranstaltungen zu stornieren oder umzubuchen. Dann kam aber keine neuen Anfragen mehr rein – normal wären etwa 25 pro Woche. Dann kam für uns erstmal Kurzarbeit. Ein langfristiger Kundenvertrag hat uns dann über die ersten Monate gerettet, er wurde uns dann aber auch gekündigt.

Unser Glück war dann unser zweites Standbein Succevo und die Möglichkeit in relativ kurzer Zeit digitale Veranstaltungen umzusetzen. Wir haben nur 2 Monate gebraucht, um auf die Online-Registrierungen eine App, eine entsprechende Webseite und diese virtuellen 3D Messe-Locations umzusetzen. Ich hatte das bei einer Konkurrenz-Agentur gesehen und fand das super. So bieten wir jetzt mit Succevo hybride Veranstaltungen und digitale Veranstaltungen an.

Und Team Seefried als solches wird es dann so nicht mehr geben?

Doch, Succevo wird nur die Plattform bereitstellen und die Partneragenturen machen die Veranstaltungen für den Endkunden. Das funktioniert gerade richtig toll – bis Ende November 2020 haben wir bereits von einem Kunden 15 Veranstaltungen.

Hätten Sie sich das vor Corona vorstellen können, dass es so jemals kommen könnte? Wie fühlt sich das für Sie an?

Eigentlich ist es schon komisch, wir haben so gehandelt, um die Agentur zu retten. Mittlerweile bin ich mir sicher, dass sich dieses Reise- und Tagungsverhalten komplett verändern wird. Schon der Nachhaltigkeitsgründen wegen. Die Firmen merken, dass man sich nicht immer persönlich treffen muss, da es einfach auch digital so viele Möglichkeiten gibt.

Sind Sie von Ihrer Persönlichkeit her ein digitaler Mensch?

Eigentlich gar nicht, aber ich lerne jeden Tag und das macht richtig Spaß.

Wie haben Sie es geschafft, in dieser schwierigen Phase alle Mitarbeiter mitzunehmen?

In der Kurzarbeit hatten wir trotzdem wöchentlich Telefontermine und ich habe versucht, die Kolleginnen und Kollegen weiterhin zu motivieren und aufzubauen und das hat soweit auch geklappt.

Wo führt es Sie in unserer Region hin, wenn Sie sich treiben lassen?

Raus in die Natur – dabei bin ich immer wieder über die Schönheit sprachlos. Mein Mann und ich gehen jeden Sonntag vor 8 Uhr mit dem Stand-Up-Paddle auf den spiegelglatten See mit dem Blick auf die Alpen. Und jedes Mal denk ich mir: „Das gibt es doch nicht, so schön ist es.“ Diese Ruhe ist wirklich unglaublich toll. Im letzten Jahr haben wir außerdem angefangen den Münchner Jakobsweg zu laufen. Außerdem radeln wir unglaublich gerne, auch jedes Jahr mindestens einmal um den Starnberger See. Und im Sommer schwimme ich jeden Tag eine ¾ Stunde. Nun habe ich auch eine Schwimmboje, da mein Mann Angst hat, dass ich untergehe, wenn ich so weit rausschwimme. Ein Segelboot haben wir auch,
das liegt aber nicht im Wasser, sondern auf einem Trailer in der Garage. So können wir auch mal an den Ammersee fahren.

Worin liegt Ihre größte Kraftquelle? Was müssen Sie mindestens einmal am Tag gemacht haben, wenn mal Nichts mehr geht?

Schwimmen! Da bin ich für mich ganz alleine. Ich sauge dann dieses Panorama in mich auf und danach geht’s mir wieder gut. Aber 18 Grad sollte das Wasser schon haben.

Was möchten Sie den Unternehmerinnen und Unternehmern hier mitgeben?

Gerade jetzt mit COVID-19 zahlt es sich aus, dass wir schon immer auf agile Strukturen und Diversität Wert gelegt haben. Wir haben schon immer darauf geachtet, dass wir unser Dienstleistungsportfolio erweitern und unsere Zielgruppen und unseren Kundenstamm ausbauen können. So kamen wir jetzt auch auf unser zweites Standbein, welches uns jetzt auch durch diese Krise rettet.

Man sollte als Unternehmen wirklich immer aufpassen und sich nicht ausruhen, sobald es einem gut geht. Stattdessen sich anstrengen, Mut für Veränderungen haben und diese aktiv herbeiführen. Wir haben uns als Geschäftsführer schon immer mindestens einmal im Jahr rausgenommen, sind irgendwo hingefahren und haben überlegt, was läuft gut, was nicht so gut und was wollen wir ändern. So haben wir immer wieder neue Wege beschritten.

Was würden Sie ganz speziell Frauen mitgeben wollen?

Frauen können heute mehr denn je Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Auch wenn es anstrengend ist, lohnt es sich durchaus dran zu bleiben. Die eigenen Kinder finden einen irgendwann spießig oder wollen nicht mehr so viel von einem wissen. Dann hat man zwar seine Freiräume wieder. Wäre ich aber im Unternehmen nicht drangeblieben, würde ich mich jetzt ganz schön schwertun. Das wäre für mich nicht erfüllend. Für mich hat sich da die ganze Anstrengung auf jeden Fall gelohnt und ich bin sehr glücklich mit allem.

Möchten Sie abschließend noch etwas sagen, das Ihnen wichtig ist?

Mir ist noch wichtig zu sagen, wie wichtig mir unsere sinnstiftenden Veranstaltungen geworden sind – unsere helpcentives. Gerade erfolgreiche Menschen freuen sich, wenn sie Gutes tun können. Vor allem erfahren Unternehmen auch viel mehr Anerkennung, wenn sie Geld in die Hand nehmen und dafür etwas Konkretes gemacht wird, das bleibt: wie z.B. ein Haus oder eine Brücke bauen oder Bäume pflanzen. Ich glaube, dass sowas viel mehr verbindet und man mehr zusammenrückt. Am Anfang meiner Laufbahn fand ich die Incentive Reisen in großartige Ressorts klasse, mittlerweile bin ich über die Jahre davon ganz abgekommen.

Vielen Dank für das interessante Gespräch und die Zeit, die Sie sich für uns genommen haben!